Nachruf von Christoph Brutschin, ehem. Regierungsrat

Nachruf von Roland Stark, ehem. Präsident SP BS

Eine prägende Persönlichkeit der Basler Sozialdemokratie ist nicht mehr unter uns

Ein Nachruf von Christoph Brutschin, ehem. Regierungsrat

Als ich im Jahre 1985 via den Quartierverein St. Alban-Breite - damals noch ohne "Innerstadt"- der SP Basel-Stadt beitrat, wohnten den QV-Veranstaltungen noch regelmässig 25 bis 30, manchmal auch 40 Personen bei. Ein bunter, wilder Haufen. Mittendrin jemand, der wenigstens vom Aeusseren her nicht so recht in die Runde passen wollte: Carl Miville, damals schon ein paar Jahre unser Basler Ständerat. Allermeistens in dunklem Anzug, weissem Hemd und dezenter Krawatte. Aber Carl schien sich wohlzufühlen, er setzte sich immer mitten an einen der Tische, diskutierte mit, mit Verve, mit Verstand, mit Humor und immer daran interessiert, was vor allem die jüngeren Genossinnen und Genossen vorzubringen hatten. Von den politischen Themen her war die Zeit gerade für ihn eine herausfordernde: 1986 reichte die GSoA die erste Armee-Abschaffungsinitiative ein, die drei Jahre später fast 36 % der Stimmen auf sich vereinigte. Dieses Volksbegehren war Carl ein Dorn im Auge. In seiner wunderbaren, bildhaften Sprache erinnerte er uns an die faschistischen Ausbrüche in Spanien, Italien und Deutschland, die in den Zweiten Weltkrieg mündeten. In den Wortgefechten insbesondere mit Stefan Zingg ging es hitzig zu und her. Aber kaum war die Sitzung vorbei, ging mindestens die Hälfte der Teilnehmenden zum Bier, Carl erzählte die neuesten Anekdoten aus Bern, und alle, auch Stefan Zingg, hingen an seinen Lippen. 

Carl war der Kontakt zu seinem QV von grösster Bedeutung. War eine Veranstaltung während der Session angesagt, setzte Carl sich am frühen Abend in den Zug und kam zu uns. Wir trafen uns damals in den leerstehenden, ehemaligen "Arbeiterhäuschen" an der Schwarzwaldbrücke, dort, wo heute das Alters- und das Quartierzentrum steht. Allem Charme zum Trotz war der Versammlungsort unterdessen arg baufällig, Carl redete dann jeweils mit einem Schmunzeln im Gesicht von konspirativen Treffen wie während der Parteispaltung. Lustig dann auch Carls Angewohnheit, uns etwas Ältere - Paul Dilitz, Rolf Müller, Rolf Steiner, später Jan Goepfert und Dominique König nach den Namen neuer Parteimitglieder zu fragen - nie wollte er jemanden grüssen, ohne sie oder ihn beim Namen zu nennen. Überhaupt freute er sich über jeden Erfolg von Mitgliedern seines Quartiervereins. Als es uns zum Beispiel endlich gelang, unsere traditionelle Einer-Deputation im Grossen Rat - ein wenig auch zulasten des QV Gundeli-Bruderholz - zu vergrössern, meinte er verschmitzt: "so, däne ääne an d'Gleis hämmers zeigt!" Bis vor kurzem liess es sich Carl auch mit zunehmender körperlicher Beeinträchtigung nicht nehmen, an den legendären Weihnachtsessen des QV St. Alban-Breite-Innerstadt teilzunehmen und an unserer Ausgelassenheit teilzuhaben.

Erinnern mag ich mich auch noch an Carls Abschiedsrede nach seinem Rückzug aus dem Ständerat an einer Delegiertenversammlung. Er bedankte sich unter anderem dafür, dass die Partei ihn immer ausgehalten habe. Ich meine, man hätte den Satz genauso gut auch umgekehrt formulieren können.

Während meiner Zeit als Regierungsrat habe ich Carl einige Male um Rat gebeten. Immer nahm er sich Zeit, war offen, ehrlich und schnell am Punkt. Er war bis kurz vor seinem Tod immer auf dem Laufenden über das politische Geschehen auf nationaler und kantonaler Ebene. Sass man mit ihm zusammen, verging die Zeit wie im Flug. Ein Beispiel dafür war der Besuch, den Pascal Pfister und ich ihm anlässlich seiner 75-jährigen Parteizugehörigkeit im Oktober 2019 abstatteten - eine weitere, eindrückliche Begegnung mit Carl Miville.

Carl Miville wird uns Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten ein Vorbild bleiben. Ein Vorbild für Tatkraft, Engagement für alle, die nicht auf der Sonnenseite des Lebens stehen, ein Vorbild aber auch für Verbindlichkeit, Liebenswürdigkeit und Freundschaft. Wir alle im Osten trauern ganz besonders um Dich, Carl. 

 

Trauer um ein sozialdemokratisches Urgestein

Grossrat, Ständerat, Parteipräsident: Carl Miville blieb der Basler SP sein Leben lang treu. Ein Nachruf von Roland Stark*

Wenige Wochen vor seinem Tod rief mich Carl Miville an. Er hatte im Wunschkonzert von Radio SRF das Landsgemeindelied gehört und wollte von einem Appenzeller wissen, wie die berühmte Anfangsstrophe lautet. «Alles Leben strömt aus dir», konnte ich ihn aufklären. «Weisst Du», erklärte er mir, «ich bin vergesslich geworden. Schreiben kann ich auch nicht mehr. Das Telefon ist mein einziger Kontakt zur Aussenwelt.» 

Am vergangenen Freitag ist Carl Miville wenige Wochen vor seinem hundertsten Geburtstag gestorben. Die Basler Sozialdemokratie verliert einen Genossen, der selbst unter schwierigsten persönlichen und politischen Umständen seiner Partei treu verbunden blieb. Und unser Gemeinwesen verliert einen Bürger, der sich unermüdlich für Gerechtigkeit und Menschlichkeit eingesetzt hat. Carl Miville steht wie kaum ein anderer Politiker für das Soziale Basel. 

Es soll «Stääge» statt «Träppe» heissen

Auch die baseldeutsche Kultur erleidet mit dem Hinschied des «Bebbi-Bryys»-Trägers der Bürgergemeinde einen herben Verlust. Sein Einsatz für den Erhalt des baseldeutschen Dialekts war sprichwörtlich. Nicht wenige Journalisten werden sich an empörte Schreiben oder Telefonate erinnern, wenn sie wieder einmal ein Wort falsch angewendet hatten. «Stääge» statt «Träppe» oder «Uuseforderig» statt «Herusforderig» korrigierte sie der Mitverfasser des Buches «3xBaseldytsch». 

Im Geburtsjahr von Carl Miville spaltete sich die Arbeiterbewegung. Am 5./6.März 1921 wurde die Kommunistische Partei der Schweiz (KPS) gegründet, mit weitreichenden Folgen für die SP. Sie verlor 60 Prozent des Parteivermögens, das Parteiorgan «Vorwärts», zwei von drei Nationalräten, einen von zwei Regierungsräten, 27 von 63 Grossräten und die Mehrheit der Partei- und Gewerkschaftsaktivisten. 

Diese und zwei weitere Spaltungen sollten für die Familie Miville traumatisch sein. Sein Vater, SP-Nationalrat Carl Miville-Jautz, seit 1941 als Nachfolger des legendären Fritz Hauser Basler Erziehungsdirektor, wurde wegen Linksabweichung aus der SP ausgeschlossen und trat 1944 zur neugegründeten PdA über. Zwei Jahre später wurde sein Sohn Sekretär der SP Basel-Stadt. Auftakt eines tiefen Zerwürfnisses. 

Der beginnende Kalte Krieg vergiftete die Atmosphäre zwischen den beiden linken Parteien zusehends. Als Carl Miville und Helmut Hubacher einmal inkognito eine PdA-Versammlung besuchten und enttarnt wurden, zog Miville aus seiner Aktentasche eine Pistole und schoss damit in den Basler Nachthimmel. 

Miville war ohnehin nie Pazifist. Während des Krieges absolvierte er die Rekrutenschule und stand danach im Bataillon 58 in Rheinfelden an der Grenze. 1400 Dienstage, WK inklusive. Auch als Ständerat hat er sich immer, meist in Opposition zur eigenen Partei, für die Militärvorlagen des Bundesrats stark gemacht. Geprägt von den faschistischen Diktaturen in Deutschland, Italien und Spanien. 

Zwischen den Fronten

Auch seine bedingungslose Unterstützung für den Staat Israel brachte ihm grossen Ärger ein. Als er 1973 der POCH vorwarf, sie würde allemal in Begeisterung ausbrechen, wenn es gegen die Juden gehe, beschimpfte ihn der Basler POB-Grossrat Georges Degen im Parlament als «weissrassistische Sau». Die juristische Aufarbeitung der Affäre endete, mit Mivilles Erfolg, erst vor dem Bundesgericht. 

Unterdessen ging es auf der politischen Karriereleiter aufwärts. 1947 wurde er erstmals Grossrat, 1977 Grossratspräsident, 1978 Nationalrat und kurz darauf Ständerat. In einem denkwürdigen Wahlkampf gegen den als unschlagbar erklärten freisinnigen Regierungsrat Kurt Jenny. Über 6000 Stimmen betrug schliesslich der Vorsprung. Das Ergebnis einer beispiellosen Mobilisierung der Basis in einem engagierten Strassenwahlkampf. 

In der Partei, deren Präsident Miville seit 1972 war, machten sich erste Spaltungserscheinungen bemerkbar. Als Helmut Hubacher 1976 in einer wüsten Schlammschlacht dem «wilden» Regierungsratskandidaten Hansruedi Schmid unterlag, wurde der Wahlsieger umgehend aus der SP ausgeschlossen. Der Grundstein für die Spaltung der Partei in den frühen 1980er-Jahren war gelegt. 

Carl Miville stand zwischen den Fronten. Viele seiner alten Freunde wanderten zur DSP ab. Der Riss ging mitten durch die Familie. Karl Schnyder, mit der Schwester von Mivilles Frau Rosemarie verheiratet, verliess die Partei. Mit ihm mehr als ein Dutzend Grossräte. Carl Miville blieb, wie auch alt Bundesrat Hans-Peter Tschudi, im Gegensatz etwa zu den ehemaligen Regierungsräten Franz Hauser, Edmund Wyss, Max Wullschleger oder seinem Vorgänger im Ständerat, Willi Wenk. Bis zu den Wahlen 1984 war die SP im Basler Regierungsrat nicht mehr vertreten. 

Die Politik verfolgte er auch nach seinem Rücktritt 1991 immer noch interessiert, die Entwicklung und Erfolge seiner Partei mit grosser Sympathie, auch wenn er manche Erscheinung – vertraulich nur – kritisch sah. Er vermisste den persönlichen Kontakt, seitdem er auch nicht mehr mit Rollator oder Rollstuhl den zahlreichen Einladungen folgen konnte. Und natürlich das Schreiben. 

Zuletzt sah man ihn an der Abdankungsfeier für seinen alten Weggefährten Helmut Hubacher, den er bei der Sozialistischen Jugend in den 1940er-Jahren kennen gelernt hatte. 

Nun hat die Basler Sozialdemokratie in kurzer Zeit zwei ihrer besten Genossen verloren. Die Trauer über den Verlust ist gross. 

*Roland Stark vertrat die SP während 20 Jahren im Grossen Rat und präsidierte die Basler Partei von 1981 bis 1990. 

Sein Nachruf wurde in der bz Basel am 23. Juni 2021 publiziert und für die Webseite der SP Basel-Stadt zur Verfügung gestellt. 

24. Jun 2021